Städtisches Kulturerbe

Die historischen Altstädte des Maghreb, die sogenannten Medinas, waren für lange Zeit nicht nur Wohnraum der Stadtbevölkerung, sondern bildeten auch das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der maghrebinischen Gesellschaft. Das städtebauliche Gefüge aus Quartieren, die unterschiedlichen Gruppen und sozio-ökonomischen Aktivitäten vorbehalten waren, und aus gemeinsam genutzten sozialen, religiösen und kulturellen Einrichtungen, spiegelte die islamisch-maghrebinische Gesellschaftsordnung wieder. Das architektonische und kulturelle Erbe der Medinas gibt somit ein unersetzliches Zeugnis der maghrebinischen Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Tradition. Heute hat der Großteil der Medinas ihre kulturelle und wirtschaftliche Funktion, und somit ihr ursprüngliches urbanes Gefüge, eingebüßt. Dazu kommt die Tatsache, dass die enge Bebauung der Medinas mit ihren engen Gassen eine spezielle Form des Quartiersmanagements verlangt – eine Aufgabe, zu der sich viele Kommunen nicht in der Lage sehen. Die hier ansässigen Bevölkerungsgruppen sind in einer Spirale der Verarmung gefangen, die prekäre Wohnsituationen und den langsamen Verfall des architektonischen Erbes zur Folge hat. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten Politik und Zivilgesellschaft im Maghreb vermehrt die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Medinas zur Kenntnis genommen hat, fehlen nach wie vor institutionelle, juristische und finanzielle Vorkehrungen, die die Rettung der Medinas mit Nachhaltigkeit durchsetzen könnten.

Das Königreich Marokko kann sich mit seinen 31 historischen Altstädten, von denen sieben dem UNESCO-Weltkulturerbe zugerechnet werden, eines großen kulturellen Erbes erfreuen. Dennoch fehlt eine gesetzliche Regelung für die Rettung und Sanierung der Medinas, die bindend für Kommunen und Gebäudebesitzer sind, sodass die Sanierung der Gebäude häufig von der touristischen Anziehungskraft der Altstadt abhängt.

Auch die Altstädte Tunesiens sind Zeugen einer reichen Vergangenheit. Lange Zeit vernachlässigt oder sogar zerstört, erfreuen sich einige tunesische Medinas eines regen Interesses von Seiten der Zivilgesellschaft und der Politik, aber auch privater Investoren, die mit der Sanierung der Altstädte wirtschaftliche Interessen durchsetzen wollen. Aber wie in Marokko, ist die Bevölkerung in den tunesischen Medinas häufig von Verarmung betroffen mit schwerwiegenden Folgen für die Wohnsituation und den Zustand des historischen Erbes. Diese Entwicklung ist in vielen Fällen auf das Fehlen einer konzertierten Planung, die die Interessen von Politik und Zivilgesellschaft und die Bedürfnisse des Wohnbaus und der Gestaltung des öffentlichen Raums kombiniert.

In Algerien ist das kulturelle Erbe der Medinas dem Verfall ausgesetzt aufgrund einer fehlenden institutionellen Verankerung des Denkmalschutzes, wie der Fall der Kasbah von Alger zeigt.

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